Zerstört, neu aufgebaut, wieder zerstört, wieder aufgebaut … Der Koblenzer Stadtteil Lützel hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Heute ist Lützel ein lebendiger, multikultureller Ort, in dem es an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt – und wird dennoch unterschätzt. Zeit, das zu ändern: Coole Streetart und eine Kulturfabrik gehören zum neuen Bild des Stadtteils.
Auf nach Lützel!
Über die Balduinbrücke erreichen Sie Koblenz-Lützel von der Altstadt aus in wenigen Minuten zu Fuß. Die Brücke als Tor zur Innenstadt – für die Einwohner*innen Lützels war ihre Errichtung im 15. Jahrhundert Fluch und Segen zugleich: Da es Feinde nun leichter hatten, die Mosel zu überqueren und in die Stadt einzufallen, wurde das Quartier zu einem Teil der Stadtbefestigung ausgebaut. Viele Einheimische wurden vertrieben, 1688 zerstörten französische Truppen auf ihrem Weg in die Stadt den Ort komplett. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich wieder mehr Menschen und zunehmend auch Betriebe am Moselufer an.
Straßenkunst auf Weltniveau
Wer heute in Lützel nach alter Bausubstanz sucht, hat es schwer. Während des Zweiten Weltkriegs war das Quartier ein strategisches Ziel für Luftangriffe. Es gab erhebliche Schäden, die man in den Nachkriegsjahren auf – aus heutiger Sicht – ästhetisch fragwürdige Art und Weise beseitigte. Doch auch schmucklose 60er-Jahre-Bauten haben ihr Gutes: Einige dienen heute als Leinwand für die besten Streetartkünstler*innen der Region. Einer von ihnen ist der Hendrik Beikirch. ecb, wie Beikirch in der Szene heißt, ist bekannt für eindringliche schwarz-weiß Portraits auf Fassaden, Leinwand und Papier. Seine Murals (große Fassadenkunstwerke) sind international gefragt, doch auch in Lützel hat er seine Spuren hinterlassen: 2017 schuf Beikirch in der Mayener Str. 2–4 das große Wandbild einer Frau und schenkte es dem Frauennotruf Koblenz.
Mittlerweile gibt es in im Stadtteil mehrere Orte, an denen offiziell gesprayt werden darf, etwa unter der Europabrücke. Dabei gilt der Sprayer-Kodex: „Übersprühe nie ein Werk, das künstlerisch besser ist, als du es selbst produzieren kannst.“ Auch Dater127, der bürgerlich Daniel Schmid heißt, sprüht hier ab und zu – wenn auch eher zu Übungszwecken. Der Koblenzer hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und gestaltet mittlerweile weltweit Hauswände. Wer seine Bildsprache studiert, kann in Koblenz so einige Kunstwerke entdecken, die aus seiner Sprühdose stammen.
„Bühne frei“ in der Kulturfabrik
In einer ehemaligen Couvertierfabrik aus dem 19. Jahrhundert ist heute die Kultur zu Hause. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Gebäude lange leer, bis 1980 ein Tanztheater die Industriehalle für sich entdeckte. Mittlerweile hat sich die KUFA zu einem kulturellen, integrativen und multikulturellen Ort in entwickelt – und passt somit perfekt nach Lützel!
Seit 1996 betreibt die KUFA GmbH ein Theater und auch das Koblenzer Jugendtheater führt hier seine Produktionen auf. Mehrere Probenräume und der Theatersaal mit 350 Sitzplätzen bieten ideale Bedingungen für Kulturerlebnisse der Extraklasse. Konzerte, Kinderveranstaltungen und ein regelmäßiges Familienfrühstück binden die Einheimischen – ganz gleich welcher Herkunft – aktiv in das kulturelle Angebot ein. Beim Verlassen der KUFA über den Parkplatz fällt der Blick auf einige wunderschöne Streetart-Bilder: Beim genaueren Hinsehen entdecken Sie: Einige stammen von Dater127.